Minna Aslama und Johanna Jääsaari:Weibliche Zuschauergruppen und die Rollendarstellung in den Medien.
Eine finnische Fallstudie
Finnish Broadcasting Company, Medienforschung, Helsinki
0. Zusammenfassung
In der heutigen kommerziellen Medienlandschaft sind Programmverantwortliche in zunehmendem Maß gefordert, den Erwartungen Ihres Publikums gerecht zu werden. Die bisher durchgeführten standardisierten Erhebungsmethoden beschreiben zwar, was sich Frauen im Allgemeinen anschauen, sie erläutern oder analysieren aber nicht, was Frauen hätten sie die Wahl gern in den Medien sehen oder hören würden. Das vorhandene Untersuchungsmaterial gibt wenige Hinweise darauf, wie eine alternative Programmgestaltung aussehen könnte, die bei einem breiteren Spektrum weiblicher Zuschauergruppen auf Akzeptanz treffen würde.
Die vorliegende Fallstudie beschäftigt sich mit den Mustern geschlechtspezifischen Fernsehverhaltens in Finnland Muster, die in dieser Form überall in Europa zu finden sind. Sie zeigt, dass die Erfahrungen des weiblichen Publikums in Finnland darin bestehen, dass die derzeitigen Medieninhalte eindeutig männerorientiert sind und Ihnen nur wenige Möglichkeiten zur Identifikation bieten. Zuschauerinnen sind sich dieses Ungleichgewichts sehr wohl bewusst, erkennen aber gleichzeitig, dass sich allzu einfache Lösungen als sehr unbefriedigend erweisen können. Sie sind nicht grundsätzlich gegen das Konzept, Programme gezielt auf weibliche Zielgruppen zuzuschneiden, z. T. schon deswegen, weil Zuschauerinnen und Zuschauer davon ausgehen, dass bestimmte Genres für Frauen gemacht werden. Dennoch geben sie offensichtlich einem integrierten Ansatz den Vorzug, was jedoch nicht bedeutet, dass weibliche Zuschauer ihrer Ansicht nach nicht einer "besonderen Behandlung" bedürfen.
Für diese Frauen gründet das Konzept von "Frauenprogrammen" auf der Vorstellung "alle Frauen"; das jedoch ist eine sehr eingeschränkten Perspektive. Frauen als eine einheitliche Gruppe im Unterschied zur Gruppe der Männer zu betrachten, ohne Berücksichtigung individueller Unterschiede, stößt beim weiblichen Fernsehpublikum auf einen gewissen Unmut. Zuschauerinnen reagieren ziemlich nachdrücklich auf das, was sie als die neuen Klischees identifizieren: entweder das der Superfrau (ein Bild, an das keiner der Diskussionsteilnehmerinnen glaubte) oder das der relativ passiven Durchschnittsfrau, die in erster Linie nach den von "ihrem" Mann aufgestellten Regeln lebt und somit das traditionelle romantische Ideal von Beziehungen widerspiegelt. In dieser Hinsicht gibt es nur wenig Abwechslung oder Wirklichkeitsnähe.
Die Genres an sich spielen keine Rolle. Frauen wählen spezifische Sendungen in erster Linie deshalb, weil sie sich von deren Inhalt, Stil oder Herangehensweise angesprochen fühlen, bzw. weil sie in ihnen Bezüge zu ihrem eigenen Leben und ihrem Alltag finden. Gegenwärtig trifft dies insbesondere auf fiktionale Programme und Unterhaltungssendungen zu. Dies liegt z. T. sicherlich daran, dass die Programmpolitik häufig auf Ratings des Gesamtpublikums beruht und die traditionelle geschlechtsspezifische Aufteilung der Programmgenres als selbstverständlich voraussetzt. Frauen gelten als Zielgruppe für "feminine" Genres, und das ist einer der Gründe dafür, dass sie diese auch tendenziell ansehen. Es gibt jedoch bereits klare Anzeichen dafür, dass die zunehmende "Leichtverdaulichkeit" des aktuellen Medienangebots Langeweile erzeugt. In dieser Hinsicht scheinen Frauen offensichtlich keinen Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern oder zwischen einzelnen Programmtypen zu machen.
1. Hintergrund: Gender und Zuschauergruppen
Europa. In Europa sind Diskussionen über die Darstellung von Frauen und Männern im Fernsehen relativ neu. Rollenbilder wurden bisher eigentlich nur im Zusammenhang mit Gewalt und Sex im Fernsehen sowie im Hinblick auf die stereotype Darstellung in der Fernsehwerbung diskutiert. Als eigenständiges Thema hat es sowohl Programmverantwortliche als auch Fernsehpublikum wenig interessiert. Aufgrund der Assoziation mit dem Genre Sex-und-Gewalt bzw. mit den Klischees in der Werbung wird die Diskussion über die Darstellung von Frauen insbesondere mit den privaten Fernsehsendern in Zusammenhang gebracht und wurde bisher nicht als wichtiges Anliegen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Europa angesehen.
Veränderungen der Medienlandschaft. Aufgrund der Veränderungen der europäischen Medienlandschaft in jüngster Vergangenheit wird der Thematik der Rollendarstellung im Hinblick auf die Publikumswahrnehmung größere Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Veränderungen führen zu neuen Programmstrategien und zu neuen Forschungsansätzen. Deregulierungsmaßnahmen und die Entwicklung neuer Übertragungstechnologien haben die Zahl der zur Auswahl stehenden Kanäle erhöht. Zielgruppenorientierte Programmgestaltung, die in den USA schon seit langem praktiziert wird, ist daher auch in Europa zu einem entscheidenden Überlebensfaktor für Sendeanstalten geworden.
Die wachsende Konkurrenz hat öffentlich-rechtlichen Sender vor eine Vielzahl von Probleme gestellt. In der Vergangenheit waren sie schon allein durch den öffentlich-rechtlichen Sendeauftrag legitimiert. Heute stehen die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten unter demselben Druck wie die Privatsender und müssen unter Beweis stellen, dass sie von einem breiten Publikum gehört bzw. gesehen werden. Nun, wo es auf Einschaltquoten ankommt, gewinnen auch Frauen als Teil des Publikums an Bedeutung.
Es ist nur wenig bekannt. Einer kürzlich nach neuesten Methoden und auf Initiative der Europäischen Kommission durchgeführten Untersuchung der Forschungsergebnisse im Bereich des Frauenbildes in den europäischen Medien (Kivikuru et al. 1999) zufolge, liefern die in mancher Hinsicht unzureichenden standardisierten quantitativen Erfassungsmethoden die einzigen systematischen Daten über das Fernsehpublikum egal ob männlich oder weiblich. Diese Untersuchung hat sich jedoch nicht zufriedenstellend damit auseinandergesetzt, welches die Gründe für die Programmauswahl sind und welche Rolle die Darstellung von Frauen und Männern dabei spielt. Daher war sie wenig hilfreich hinsichtlich der Frage nach einer auf weibliche Zuschauergruppen ausgerichteten Programmgestaltung.
Auch wenn bisher kaum umfassende Forschungsdaten über das geschlechtsspezifische Zuschauerverhalten vorliegen, zeigen europaweite Untersuchungen ein relativ verlässliches Muster für die Präferenzen von Frauen und Männern im Umgang mit den Medien. Zwar gibt es fast keine Unterschiede in Hinblick auf den Umfang des Fernsehkonsums, doch Frauen bevorzugen eher fiktionale Programme (einschließlich Serien und Soaps), Talkshows und bestimmte Comedy-Sendungen, wohingegen Männer in erster Linie Sportsendungen, Action-Serien und informative Programme, einschließlich Nachrichten und Sendungen über aktuelle Ereignisse sehen. Diese Muster wurden durch Untersuchungen in verschiedenen Ländern bestätigt, wie z. B. in Schweden (Abrahamsson 1990), England (Livingstone 1994) sowie in Finnland (Jääsaari & Sarkkinen 1995 & 1998).
3. Gestaltung der Studie Präferenzen weiblicher Zuschauer vs. "Frauenprogramme"
SOLLTE ES IM FERNSEHEN EIN SPEZIELLES "FRAUENPROGRAMM" GEBEN?
Ich fand sehr gut, dass er (= der Pilotfilm) anders war und eine neue, positive Perspektive zeigte. Gleichzeitig hat er aber auch viele widersprüchliche Gefühle geweckt.
Gruppe 5
Die Fallstudie. 1998 entwickelte YLE TV2 ein neues Konzept für ein Spätabendprogramm speziell für die Zielgruppe der "jugendlich-aufgeschlossenen Frauen". Mit der Produktion einer Pilotsendung wurde dieses Konzept und seine unterschiedlichen Inhalte getestet. Zielsetzung war, ein Format und Themen anzubieten, die insbesondere Frauen ansprechen, gleichzeitig aber auch Männer interessieren und zur Diskussion zwischen den Geschlechtern anregen sollten. Dieses Programm sollte unterhaltende Elemente und Hintergrundsinformationen miteinander verbinden von Musik, über Interviews bis hin zu Showteilen. Die Moderatorin und der Moderator sollten vom traditionellen Talkshow-Klischee abweichen und die einzelnen Programmelemente flott und humorvoll präsentieren. Thema der Pilotsendung war die "Liebesromanze".
Diese Sendung wurde mit sechs Zielgruppen getestet, die aus insgesamt 45 Teilnehmerinnen unterschiedlichen Bildungsniveaus und Alters sowie unterschiedlicher geographischer Herkunft bestanden. Der Pilot selbst wurde jedoch nicht im Fernsehen gesendet. In diesem Zusammenhang ging es also nicht um die Kommentare der Zielgruppenmitglieder zu Form und Inhalt dieser Pilotsendung, sondern um die Diskussion ihrer Erwartungen und Vorstellungen im Hinblick auf Fernsehprogramme und das Thema "Frauenprogrammen" im Allgemeinen.
Wesentliches Ergebnis: Kein separates Programm. In allen Zielgruppen wurde die Ansicht vertreten, dass diese Sendung neue und für Frauen interessante Elemente bot. Die Einstellung der Zielgruppen zum Thema Frauenprogramme ähnelte jedoch sehr der Auffassung, die bereits in einer früheren Studie über die Zuschauerbeurteilung von Rollenbildern in Nachrichtensendungen und der Frage nach speziellen "Nachrichten für Frauen" (Aslama 1995) geäußert wurde. Obwohl bei dieser Untersuchung zu Nachrichtensendungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zielgruppen (drei Frauengruppen, eine Männergruppe) sehr wohl in der Lage waren, die Darstellung von Frauen und Männern in den Nachrichtensendungen zu analysieren, zu kritisieren und Alternativen anzubieten, waren sie nahezu einstimmig gegen ein Konzept spezieller Nachrichten für Frauen. Diese Meinung wurde vor allem damit begründet, dass man sich kaum vorstellen konnte, welche Inhalte Nachrichten für Frauen haben könnten.
Die Zielgruppen der vorliegenden Studie argumentierten in ganz ähnlicher Weise. Die Frauen wünschten sich nicht unbedingt ein "eigenes Programm", sondern überlegten, ob auch ihre Familie sich für eine Sendung wie das Pilotprogramm interessieren und diese ansehen würde, und mit welchen Elementen man Frauen und Männer gleichermaßen vor den Bildschirm bringen könne. Auf der anderen Seite erschien ihnen die Vorstellung, dass ein Programm auf Frauen zugeschnitten würde auch nicht abwegig. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Zuschauer und Zuschauerinnen davon ausgehen und bereits daran gewöhnt sind, dass Programmsegmente auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet werden, und "Frauenprogramme" implizit im Bereich der Unterhaltung und der fiktionalen Programme ansiedeln.
4. Überlegungen zur Darstellung von Frauen
FÜR WELCHE THEMEN INTERESSIEREN SIE SICH WENN ES UM FRAUEN ODER UM DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN FRAUEN UND MÄNNERN GEHT?
(...) Ich würde im Fernsehen gern Frauen als Freundinnen sehen, die einander unterstützen, und das ohne diese Eifersüchteleien, die in den meisten Fällen als Muster vorgefühert werden. ( ) Es wäre wirklich schön, wenn im Fernsehen einmal diese positive Seite gezeigt würde. (...) In vielen Sendungen ärgert mich auch das Bild dieser "Superfrauen", die Familie und Haushalt perfekt im Griff haben, gleichzeitig Karriere machen und darüber hinaus mehrere Universitätsabschlüsse haben. Dabei wird dann immer der Eindruck vermittelt, das sei alles nur eine Frage der Organisation, und das glaube ich einfach nicht. Ich fände es einfach besser, wenn dann vielleicht nun ruhig so eine Frau und dann gleichzeitig auch das völlige Gegenteil davon gezeigt würden (...)
Die ["Superfrauen"] haben Unterstützung ...
Nun, das wird in den Medien aber nicht gesagt!
Stimmt, gesagt wird das nicht ...
Sie würden es aber sagen, wenn sie danach gefragt würden ...
Gruppe 3
-Zuerst habe ich überlegt, was für einen Aufbau sie haben könnten (= zu möglichen Themen in "Frauensendungen"), es könnte natürlich um die verschiedenen Rollen der Frau gehen, das heißt die Frau als Ehefrau, Mutter, als Berufstätige in der Arbeitswelt, usw. Auf der anderen Seite reden wir immer nur von Frauen und Männern, es gibt aber einfach auch ziemlich große individuelle Unterschiede (...)
Gruppe 2
Bewusstsein ist vorhanden. Das wesentliche Ergebnis der Gruppendiskussionen über "spezielle Themen für Frauen" und "Fragen zu den Rollen der Frau" brachte zwei unterschiedliche Aspekte zu Tage. So wurde größter Nachdruck auf die vielfältigen Rollen der Frau in der Realität gelegt eine Realität, die sich im gängigen Fernsehprogramm nicht adäquat widerspiegele. Dieser Kritikpunkt, der bereits in der finnischen Studie zur Rollendarstellung in Nachrichtensendungen auftauchte (Aslama 1995), wurde in unterschiedlicher Form in allen Zielgruppen wiederholt geäußert. Zuschauerinnen sind sich offensichtlich dieses Mißverhältnisses zwischen dem wie sie die Realität erleben und ihrer Darstellung im Fernsehen sehr wohl bewusst, äußern das oder ihre Kritik an der Darstellung von Frauen und Männern aber erst dann, wenn sie danach gefragt werden.
Sind die Medien old-fashioned? Das Thema "Frauenprogramme" löste eine ziemlich heftige Debatte über die Darstellung von Frauen aus. Das gängige Rollenbild wurde als recht "schmalspurig" und sogar veraltet angesehen. Ein weiterer Aspekt der "Eingeschränktheit" der Rollendarstellung bezog sich auf die Bedeutung individueller Unterschiede. Dabei wurde unterschwellig auch die Sichtweise eines "überholten Feminismus" kritisiert, insbesondere der Ansatz Frauen als eine einheitliche Gruppe zu betrachten, die sich wesentlich von einer einheitlichen Gruppe der Männer unterscheidet. Die Diskussionsteilnehmerinnen wiederholten mehrfach, dassFrau zu sein heutzutage zahlreiche Facetten aufweist, die Medien diesem Umstand jedoch nicht Rechnung tragen würden.
Gefordert wird ein mehrdimensionales Frauenbild. Die Zielgruppen stellten einstimmig fest, dass in den Mediendarstellungen von "Frauenthemen" oder "Frauengeschichten" häufig zwei Modelle auftauchen. Das eine Klischee ist die recht junge, berufstätige "unerschrockene und schöne" Superfrau (ein Bild, an das keiner der Diskussionsteilnehmerinnen glaubte). Das andere Klischee ist die relativ passive, konventionelle Frau, die in erster Linie nach den von "ihrem" Mann aufgestellten Regeln lebt (und somit das stark vereinfachte, romantische Ideal von Beziehungen widerspiegelt). Dabei gäbe es nur wenig Abwechslung oder Wirklichkeitsnähe:
(...) Diese Rollen von Mann und Frau (= in den Sendungen) sind so konventionell und typisch, der Mann arbeitet ständig. Heutzutage sind wir aber fast alle berufstätig, wir sind nicht abhängig von den Männern und warten auch nicht ständig auf sie. Ich denke, es wäre interessanter (...), zu zeigen, welche Entscheidungen Menschen in ihrem Leben treffen (...) und dass auch Frauen arbeiten und viel zu tun haben. Sendungen könnten Frauen auch dazu ermutigen, das zu tun, was ihnen Spaß macht.
Gruppe 1
5. Sind Programmgenres von Bedeutung?
(...) Es wäre sehr gut, wenn bei Gesprächen über Beziehungen beide Seiten zu Wort kämen, der Mann und die Frau ... Das würde sicherlich eindeutig zeigen, dass Frauen und Männer dasselbe Thema (in einem Gespräch) unterschiedlich angehen. Das wird allgemein gesagt, aber nicht auf diese Weise ... manchmal kann ich es einfach nicht glauben wie kann er nur so denken, wo das Ganze für mich so klar ist? (...)
(...) Nun, ich denke, mich würden Beziehungen oder der Status und die Rolle der Frau in der Gesellschaft besonders interessieren ... Aber in einer sachlichen Weise, vielleicht auch mit einigen unterhaltenden Elementen...
(...)
Gruppe 2
Ich mag Talkshows, zu denen man einen persönlichen Bezug hat, bei denen man die Meinung teilen oder aber das Gesagte kritisieren kann ... Die kann man sich allein oder in einer kleinen Gruppe ansehen. Dann kommt es zu Diskussionen darüber, ob man selbst etwas nun so oder anders sieht. Besonders wichtig ist, dass die Moderatoren und Moderatorinnen die Leute dazu anregen, darüber nachzudenken, was sie sagen, und nicht darüber, was oder wer sie sind ... Mir gefällt es einfach, verschiedene Standpunkte von Menschen zu hören.
Gruppe 6
Informationsprogramme zur Illustration von Alternativen. Erwähnt werden sollte, dass der Rahmen für die Diskussionen der Zielgruppen dieser Studie durch die Pilotsendung vorgegeben wurde. Sie bot die verschiedensten Elemente, war jedoch eindeutig eher eine Unterhaltungssendung als ein Nachrichtenmagazin oder eine "informative" Sendung sonstiger Art. Das führte dazu, dass die Diskussionssteilnehmerinnen in erster Linie fiktionale Programme, Unterhaltungssendungen und "leichtere" Informationsprogramme kommentierten, die häufig Stereotype für den "dramatischen Handlungsverlauf" nutzen. Wenn Untersuchungen jedoch ergeben, dass sich Frauen insbesondere für Unterhaltungssendungen, fiktionale Programme und Talkshows interessieren und gleichzeitig eine nuanciertere Rollendarstellung wünschen, so liegt es auf der Hand, dass gerade diese Programmgenres den geeigneten Rahmen für eine andere Art der Darstellung von Frauen und Männern bieten könnten. Der Trend in Richtung einer "alternativen Rollendarstellung" in fiktionalen Programmen, Talkshows und Sitcoms von Privatsendern beruht sicherlich darauf, dass Produzenten das Interesse verschiedener Publikumsgruppen erkannt haben. Diese Rollendarstellungen orientieren sich jedoch an den "gängigen stereotypen Alternativen", die in vielen Fällen "Karikaturen" sind, was in erster Linie mit der Tradition der betreffenden Genres zu tun hat. Wie bereits in einem Zitat einer Diskussionsteilnehmerin erwähnt, würden viele Frauen bei einer anderen Darstellung von "Frauenthemen" und "Beziehungen" ein informativeres Format vorziehen. Dies kann auch der Grund dafür sein, dass Frauen informativen und beziehungs-orientierten Talkshows den Vorzug geben gegenüber Shows, in denen unterhaltende Elemente mit Talkshow-Komponenten kombiniert werden (siehe z.B. Aslama 1999).
Die Hierarchie der Genres löst sich auf. Die konventionelle Rangordnung zwischen "harten" und "weichen" Programmen oder zwischen den von Männern und Frauen bevorzugten Genres scheint sich aufzulösen. Eine in Finnland Anfang der 90er Jahre durchgeführte Studie zeigte, dass Zuschauerinnen und Zuschauer bei Diskussionen über Programmpräferenzen die "männlichen" Genres eindeutig höher bewerteten als die "weiblichen" (siehe z.B. Alasuutari 1991). Bei den Zielgruppen der vorliegenden Studie hingegen gab es kaum Bewertungen dieser Art. Dies kann z. T. dadurch erklärt werden, dass die Diskussionrunden ausschließlich mit Frauen besetzt waren. In den Diskussionen wurden jedoch die Vorlieben für bestimmte Programmgenres und die journalistische Machart und der Bezug zu persönlichen Interessen und der jeweils eigenen Lebensform offen zum Ausdruck gebracht. Das Interesse vieler Zuschauerinnen und Zuschauer scheint breit gefächert und nicht so sehr von Programmgenres, sondern in erster Linie von bestimmten Sendungen abhängig zu sein. Diese Erkenntnis wird auch durch eine kürzlich durchgeführte YLE Publikumsstudie belegt: Sie hat ergeben, dass gebildete berufstätige Frauen der gleichen Altersgruppe wie die Diskussionsteilnehmerinnen der vorliegenden Studie Programme, die ihnen gefallen und ihren Erwartungen gerecht werden, unabhängig vom Genre auswählen.
Nicht auf das Genre kommt es an, sondern auf Qualität und Identifikationsmöglichkeiten. Eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Studie besteht darin, dass die Genres an sich nicht von Bedeutung sind. Frauen wählen spezifische Programme in erster Linie deshalb, weil sie sich von deren Inhalt, Stil oder Zugangsweise angesprochen fühlen, bzw. in ihnen Bezüge zu ihrem eigenen Leben finden, die sie sehr konkret in ihren Alltag "einbinden" können. Gegenwärtig trifft das insbesondere auf fiktionale Programme und Unterhaltungssendungen zu.
Ich finde es (das Pilotprogramm) positiv, man sieht heute ja nur noch diese amerikanischen Unterhaltungsserien im Fernsehen, es wird doch mehr oder weniger immer das Gleiche gezeigt: Serien oder Fernsehfilme im amerikanischen Stil. Hier wurde doch wenigstens mal etwas Neues versucht.
(...)
Ich glaube, dass Alternativen zum derzeitigen Fernsehangebot einfach zwingend erforderlich sind. ... Vom Fernsehen habe ich die Nase voll, es gibt doch nichts anderes mehr als diese amerikanischen Seifenopern und Fernsehfilme oder aber Nachrichten und Dokumentationssendungen amerikanischer Machart.
Gruppe 5
Herausforderung für öffentlich-rechtliche Sender. Die hier wiedergegebene Bewertung sollte als eine Herausforderung für die öffentlich-rechtlichen Sender gesehen werden: Wie erreicht man ein breitgefächertes weibliches Publikum auf andere Weise als es die Privatsender tun. Die Zielgruppendiskussionen und die anderen hier vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Mitlaufen mit dem Trend der Privatsender weder die einzige noch die beste Lösung darstellt. Die Zuschauer und Zuschauerinnen werden zunehmend "medienkundig" und treffen ihre Auswahl auf der Grundlage ihrer persönlichen Präferenzen. Gäbe es "seriöse" und durchdachte Alternativen, die nach sorgfältiger Forschung und Erprobung entwickelt werden, so gäbe es auch keinen Grund dafür, nicht bestimmte Informationsprogramme für Frauen (oder besser: für einige weibliche Zuschauergruppen) anzubieten. Die derzeit relativ uniformierte Programmgestaltung scheint beim Fernsehpublikum den Wunsch nach Alternativen zu wecken.
6. Krisenbewältigung? Anregungen für "Frauenthemen"
WELCHE THEMEN KÖNNTE ES (EIN FRAUENPROGRAMM) ENTHALTEN? WENN AUS DIESEM PILOTPROGRAMM EINE SERIE ÜBER DIE "LIEBESROMANZE" WÜRDE, WELCHE THEMEN WÜRDEN SIE GERN DARIN BEHANDELT SEHEN?
Nun, nicht jede Frau träumt davon, einen Mann zu finden und zu heiraten ... ich würde auch gern mal etwas über weibliche Singles und ihre Arbeit sehen oder auch einfach, wie es einer Frau gelingt, die Hausarbeit, ihren Beruf und alle anderen Dinge in ihrem Leben unter einen Hut zu bringen.
Gruppe 6
Wir sollten nicht wieder alle Frauen (in einer Sendung) in dieselbe Schablone pressen, vielmehr sollten wir die ganze Vielfalt der Möglichkeiten aufzeigen, wie die Frau von heute ihr Leben gestalten kann, aufzeigen. Gerade jetzt, wo wir diese eine Schablone hinter uns haben, stehen uns viele Wege offen. Das könnte sehr interessant werden.
Gruppe 3
Ansätze zur Krisenbewältigung! Ein wichtiges Anliegen vieler Diskussionsteilnehmerinnen war der Wunsch, die Medien sollten Frauen oder ganz allgemein Menschen zeigen, die sich durch alle die verschiedenen Rollen und Verpflichtungen kämpfen, die die heutige Gesellschaft ihnen auferlegt. Diesem Wunsch lag offensichtlich die Vorstellung zugrunde, dass die Medien nicht nur ein Forum für Informationen über "Alternativen" sein sollten, sondern dass in den Sendungen ganz bewusst berücksichtigt werden sollte, wie dem alltäglichen Leben der Menschen Rechnung getragen und wie ihnen "Unterstützung" in der jeweiligen Lebenssituation geboten werden kann. Da es in dem Piloten um das Thema "Liebesromanze" ging, wurde dieses Beispiel von vielen Diskussionssteilnehmerinnen als Ansatzspunkt für die Bewertung und das Brainstorming hinsichtlich alternativer Darstellungen von Frauen und Männern in den Medien benutzt. Der folgende Auszug aus den Diskussionen illustriert dies:
(...) Man sagt, dass heutzutage die Hälfte aller Ehen in der Scheidung endet... Ich bin sicher, jede von uns kennt jemanden (der geschieden ist, eine Geschichte in dem Pilotprogramm) mit ähnlichen Erfahrungen. Diese Scheidungsgeschichten gehören auch zu den Hauptthemen in Frauenzeitschriften usw. Auf der anderen Seite kann man sich ja nun auch fragen, warum immer nur über Scheidung gesprochen wird, wenn doch die andere Hälfte der Ehen glücklich ist (...).
Ja, die könnten (in den Medien) ja auch mal zeigen "so haben wir die Krise überwunden" statt immer nur "wir hatten uns auseinandergelebt, die Kinder sind mir zugesprochen worden und ich bin jetzt eine alleinstehende Mutter in der Krise, usw." Ich meine, mehr in der Richtung "unsere Beziehung ist intakt, obwohl wir schwere Zeiten durchgemacht haben".
Genau das habe ich auch gedacht, besonders heute bei all diesen Bill-Clinton-Geschichten gibt es so wenige Sendungen über funktionierende Ehen. Man sollte nicht immer nur diese Geschichten von Männern und Frauen zeigen, die einander betrügen, sondern gut funktionierende Partnerbeziehungen und die anderen Dinge im Leben. So würde man auch positive Bilder von der Ehe und Beziehungen schaffen.
Ja, das ist genauso wie mit der Gewalt im Fernsehen, von der man ja immer sagt, sie sei der Grund für die Gewalt im heutigen Leben. Das ist doch in diesem Fall ganz genauso. Man redet immer nur über Beziehungskrisen, und dann sehen wir diese auch in unserem eigenen Leben, so nach dem Motto "Sieh' mal, wir sind in einer Krise, also lass uns auseinandergehen!"
Ja, da würde man dann Anregungen bekommen und neue Aspekte sehen ... wenn man Menschen sieht, die durch eine Krise gehen ... und bei denen die Beziehung nicht automatisch zu Ende geht. Die Erfahrungen anderer könnten dann hilfreich für einen sein (...).
Krisenbewältigung, das wäre ein gutes Thema!
Gruppe 3
Eine Mischung aus Information und Unterhaltung. Abgesehen von der "Hilfe zur Krisenbewältigung" in Beziehungen, wurde in den Zielgruppen das Interesse an "unterschiedlichen Frauen" geäußert sowohl Singles als auch Frauen mit Partnern, Frauen unterschiedlichen Alters und ihre Sichtweise etc., um damit zu einem besseren Verständnis für die verschiedenen Lebensphasen von Frauen beizutragen. Als weiteres wichtiges Thema wurden Frauen und das Leben allgemein in unterschiedlichen Kulturkreisen genannt. Interessant ist dabei, dass niemand den Wunsch nach mehr fiktionalen Programmen oder speziellen Unterhaltungssendungen für Frauen äußerte. Es wurde vielmehr erwartet, dass die erwähnten Themen auf informativere Weise, aber auch nicht "zu ernst" präsentiert werden.
Quellenverweise
Abrahamsson, Ulla (1990) Are we nearing the top of the hill? Notes from a decade of working toward equality in Swedish Broadcasting. Stockholm: Sveriges Radio, PUB.
Alasuutari, Pertti (1991) Tv-ohjelmien arvohierarkia katsomistottutmuksista kertovien puhetapojen valossa. [Die Wertehierarchie von Fernsehprogrammen...]. In Kytömäki, Juha (ed.). Nykyajan sadut Joukkoviestinnän kertomukset ja vastaanotto. Gummerus, Helsinki.
Aslama, Minna (1995) Katsojien arvioita television ihmiskuvasta. [Zuschauereinschätzungen von Rollenbildern in Nachrichtensendungen]. In Sana, Elina (ed.). Naiset, miehet ja uutiset [Frauen, Männer und die Nachrichten].Tasa-arvotoimukunnan julkaisuja, Sarja A:1/1995. Yleisradio Oy, Helsinki.
Aslama, Minna (1999) Private Talk in Public. A Case Study on a Talk Show in Finnish Television. In Sreberny, Annabelle & van Zoonen, Liesbet. Womens Politics and Communication. Hampton Press, New York.
Jääsaari, Johanna and Sarkkinen, Raija (1995) Naiset ja miehet radionkuuntelijoina ja TV:n katselijoina (Frauen und Männer als Radiohörer und Fernsehzuschauer), Seite 153179 in Sana, Elina (toim.) Naiset, miehet, uutiset. Helsinki: Yleisradio.
Jääsaari, Johanna & Sarkkinen, Raija (1998) Radion ja television nais- ja miesyleisöt. [Frauen und Männer als Radio- und Fernsehpublikum]. Nicht veröffentlichte Medienstudie. Finnish Broadcasting Company, Helsinki.
Kivikuru, Ullamaija et al. (1999) Images of Women in the Media. Report on Existing Research in the European Union. European Commission, Brüssel
Livingstone, Sonia (1994) Watching Talk: Gender and Engagement in the Viewing of Audience Discussion Programmes. Media, Culture & Society, 16 (3):429447.